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Neues zu Lollapalooza im Treptower Park

Das war los auf der Bürgerversammlung am 14. Juli

protest gegen lollapalooza

“Sie haben Fragen mitgebracht – und sicherlich auch Ärger. Sie können Kritik äußern, ja, aber nutzen Sie vor allem die Chance, Antworten mitzunehmen.” – mit diesen Worten wurde die öffentliche Bürgerversammlung im Rathaus Treptow von der Abteilungsleiterin für Bauen, Stadtentwicklung und Umwelt eröffnet. Zugegen waren Bezirksstadtrat Rainer Hölmer, Vertreter von Polizei und Senat sowie der Geschäftsführer und die Presseverantwortliche von Lollapalooza, die den gut besuchenden Anwohnern nun also Rede und Antworten stehen sollten. Zuvor hatte RBB-Anchorman Ulli Zelle (“wenns mal 2 Tage n bisschen lauter wird”) noch die Entscheider interviewt und resümierte “Ein schönes Festival, nur im Vorfeld eben schwierig”.

Wie “schwierig” sich die nachfolgende Debatte noch gestalten würde, sollte sich indes schon in den ersten Minuten nach Versammlungsbeginn abzeichnen.

lollapalooza rbb rathaus

RBB Interview mit dem Bezirksstadtrat

“Eine ganz besondere Infoveranstaltung”

So wies die Abteilungsleiterin gleich darauf hin, dass man sich noch mitten im Prüfungsverfahren des Antrags befinden würde und man die Öffentlichkeit trotz Informationsfreiheitsgesetz so eigentlich auch erst nach Antragsbeschließung zu den inhaltlichen Details informieren müsste. Man solle diese “ganz besondere Infoveranstaltung” also bitte (dankbar) nutzen. Außerdem bestünde kein Grund sich aufzuregen, so wurde impliziert, es sei ja schließlich bisher “nur ein Formular eingereicht” worden. Gelebte Demokratie. Das anwesende Publikum zeigte sich verständlicherweise weniger dankbar als vielmehr irritiert darüber, dass ein Einbeziehen der Anwohner/innen in den Entscheidungsfindungsprozess ihres direkt betroffenen Umfelds offenbar nicht als selbstverständliches Anrecht verstanden wird.

bürgerversammlung gegen lollapalooza

Es folgte die zu erwartende Werbetrommelrede, die natürlich Stichworte wie “Wirtschaftsfaktor”, “Kreativhauptstadt” und “einzigartige Möglichkeit” einschloss. Eine Mitarbeiterin der Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten versuchte “nahezubringen, wie der Festivalbetreiber auf Berlin kam”. – Das passe halt super zu Berlin, für das es ein “gutes Zeichen ist, dass sich ein international anerkanntes Festival wie Lollapalooza” für diesen Standort entschieden hat. Es wäre ein “Zeichen, das nicht zu Berlin passen würde, wenn das Festival nicht stattfinden kann.”
Sie verwies auf dem Umstand, dass das urpsrünglich als Festivalgelände vorgesehene Tempelhofer Feld aufgrund der Unterbringungssituation von Flüchtlingen nicht mehr zur Verfügung steht, obwohl es “besser geeignet wäre”.

Es wurde klar, dass im Rahmen dieser Veranstaltung vor allem um die Akzeptanz des Lollapalooza-Festivals geworben werden sollte, das nur offiziell noch nicht genehmigt sei.

treptow gegen lollapalooza

Bezirksstadtrat Rainer Hölmer, Amtsleiterin Dr. Ingrid Lehmann, die Veranstalter und Vertreter von Senat, Grünflächenamt & Polizei

Treptower Park kein ideales Festivalgelände

Lollapalooza Geschäftsführer Marko Hegner und seine Presseverantwortliche sollten weiterhin “Einblicke in die internen Planungsphasen geben”. Das Publikum wurde gebeten, sich die “Vorschläge der Antragssteller anzuhören” und mit “respektvoll formulierten Fragen” bis zum Ende der Redebeiträge zu warten.

Mit einem höflichen Dankeschön für “die Möglichkeit des Austauschs” stellte man sich vor und wollte auch “gleich mal mit einem Gerücht aufräumen, dass man Alternativen nicht geprüft habe”. Dem sei selbstverständlich nicht so, auch wenn der Lollapalooza Geschäftsführer zugab, dass “der Treptower Park nicht das ideale Festivalgelände ist”. Applaus aus dem Publikum.

“Keine Alternativen”

Es wurde eine eilige Liste zitiert – Olympia Stadion sei am Festivalwochende nicht verfügbar, Karlshorst sei aufgrund von “Zubringungsschwierigkeiten” ausgeschlossen, die Kindlbühne nicht groß genug und man habe sogar den Schlesischen Busch in Kreuzberg geprüft (was flächenmäßig natürlich von vornherein absurd wäre). Das Vista Gelände in Schöneweide, BER und Straße des 17. Juni hätte man ebenfalls “erfolglos geprüft”. Wie die Prüfung aussah und ob – auch auf Nachfrage aus dem Publikum – überhaupt Alternativanträge eingereicht wurden, darüber gab es keine Auskunft. Und außerdem solle man die Fragen bitte zum Schluß stellen.

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Der Veranstalter beim Powerpointen

Die PR-Verantwortliche von Lollapalooza nahm daraufhin den zum Scheitern verurteilten Versuch auf, das Festival mit Markensprüchen wie “Denke an ein Festival, wie du es kennst und subtrahieren alles, was du an Festivals nie gut gefunden hast und du hast Lollapalooza – das weltbeste Festival” (Zwischenruf “Was ist mitm Fusion?”) zu bewerben. Es sei nicht einfach nur ein “Pop-Konzert” und auch “kein herkömmliches Festival” sondern mit “Fun Fair”, Zirkus, Kunst- und Familienecke “ein kulturelles Event für alle”.

Eine Karte mit den genutzen und geschützten Bereichen wurde vorgestellt – man stehe insgesamt für “Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein”. Vorhersehbar großes Gelächter aus dem Publikum.

Die geschützten Bereiche (grau) sollen mit Zäunen gesichert werden – dazu gehöre natürlich auch das Areal rund um das Sowjetische Ehrenmal, das mit Polizei gesichert werden würde. Man spiele auch mit dem Gedanken, geführten Besuchergruppen den Zutritt zu gewähren. Insgesamt könne es sicherheitstechnisch keinerlei Bedenken geben, außerdem besitze man jahrzehntelange Erfahrung – auch bei Veranstaltungen in USA und Südamerika, wo es im Übrigen “auch immer in innerstädtischen Parks ohne Probleme” stattfinden konnte. Nun, Berlin ist eben nicht Chicago oder New York und will es wohl auch nicht sein. Der ewige Soll-und-Sein Konflikt.

plan lollapalooza

Es soll nun also zwei Eingänge geben, vom S-bahnhof Treptower Park und Plänterwald (über Eingang Zenner) sollen die erwarteten, nunmehr offiziell vom Veranstalter bestätigten 70.000 Besucher täglich aufs Festivalgelände gelangen. Auf die Publikumsnachfrage, wie der Veranstalter darauf käme, dass der kleine, vernachlässigte S-Bahnhof Plänterwald diesen Ansturm (wo doch andere Alternativen aufgrund von “Zulieferungsschwierigkeiten” ausgeschlossen wurden) bewältigen soll, folgte keine Antwort.

100% Verständnis, 50% Rabatt

Dafür versicherte man nochmal, dass man für alle Bedenken “100-prozentiges Verständnis” besitze, man bitte allerdings um Geduld – schließlich befinde man sich ja noch in der Planungsphase. Ein recht arrogantes, wenn auch dem emotionalen Diskussionsumstand geschuldetes “Sie sind ja keine Veranstalter” entfuhr der Pressetante, die dann fix wieder zu den Benefits des “weltbekannten und beliebten Festivals” umzuschalten wusste. Als “Geste” sollen allen Anwohnern 50% Ticketrabatt angeboten werden, was vermutlich weniger gern in Anspruch genommen werden wird, zumal die meisten Anwesenden bereits eh in erster Lautstärkenlinie wohnen. Zu diesem Thema holte man noch den externen Akkustikberater des Festivals auf die Bühne, der en Detail die Lärmschutzprüfmaßnahmen vor dem Festivalbeginn erörterte.

Pietätsloses Partying am Ehrenmal?

Die Fragerunde wurde nach der einstündigen Pro-Lapalooza Präsentation eingeläutet. Ein anwesender Polizeisprecher ging auf die dringliche Nachfrage einer älteren Anwohnerin ein, die das Andenken der Kriegstoten beim “pietätslosen” Feiern in der Nähe des Ehrenmals bedroht sah. Man würde “als Polizei jeden Tag den Schutz des Ehrenmals wahrnehmen” und natürlich auch während des Festivals für einen Schutz sorgen (diese Kosten bedienen auf Nachfrage die Steuerzahler, nicht der Veranstalter).

Auf Fragen zur nachträglichen Reinigung des Parks und der Sanitärsituation entgegnete der Lollapalooza Geschäftsführer, dass man sich um diese Kosten allein kümmern würde und 850 Toiletten geplant seien. Reiche das für die 70000 Besucher täglich und würden sich nicht doch auch “Leute in die Büsche schlagen”? lautete die Gegenfrage. Nun, man würde die Büsche dann eben auch absperren. Eine Absichtserklärung, die viel Gelächter kassieren musste.

Beschlossene Sache, unentschlossene Anwtorten

Insgesamt handle es sich um eine “einzigartige Situation”, die Pressesprecherin versicherte außerdem (etwas ungehalten), dass “man nie wieder in den Treptower Park kommen” werde. Dieses Statement provozierte großen Applaus im Publikum.

Es meldeten sich auch viele jüngere Anwesende und Anwohner zu Wort, die nichts gegen Mucke, Kultur und Party haben, aber auch nicht verstehen können, wie man nicht mal 2 Monate vor Festivalbeginn immer noch auf ziemlich viele Fragen lediglich mit “Planungstheorien” und dem Verweis, “Geduld zu haben” antworten könne. Auch die Umleitung des öffentlichen Nahverkehrs durch Sperrung der Puschkinallee sei noch nicht abschließend geregelt. Jemand zitierte aus der “Berliner Zeitung” das Bezirksamt selbst, das das traditionelle Hafenfest am Treptower Park beendet sehen wollte, weil man keine “organisierte Massensauferei mehr im Park” möchte.

Es ist und bleibt seltsam, dass der Veranstalter schon monatelang mit der Festivallocation Treptower Park wirbt, obwohl laut Auskunft des Bezirksamts noch nichts entschieden sei. Was würde man denn machen, wenn der Antrag negativ geprüft werden würde? Dann, so der Veranstalter, würde das Lollapalooza eben nicht stattfinden können. In diesem Moment wurde wohl nochmal vielen im Publikum bewusst, dass diese “Infoveranstaltung” eine reine Kommunikationsbemühung seitens der Politik ist, dem kommerziellen, sich aber vornehmlich kulturell gebenden Event die Bürgerbefürwortung zu sichern. Wenn die Verträge platzen sollten, dann sieht sich das Land Berlin mit einer Regressforderung seitens der Veranstalter konfrontiert.

Kerndaten zum (ziemlich sicher beschlossenen) Festival

Aufbau ab 29.08.2016

Festval 10. – 11.09.2016

Abbau 16.09.2016

Erwartete Besucher: 70.000 pro Tag

– in dieser 19-tägigen Phase sei der “Park in Teilen zugänglich”. Eine Vollsperrung der Puschkinallee über das Festivalwochenende (im Übrigen auch das Einschulungswochenende) sowie eine Teilsperrung nachts im Vobrereitungs- und Nachbereitungszeitraum ist beabsichtigt.

treptower park sperrung festival

Wenn Kurzsichtige Fotos machen … Lollapalooza Daten zur Parknutzung/Sperrung

Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass der Veranstalter im Sinne einer von ihm ebenfalls betonten Transparenz, die detaillierte Alternativenprüfung ausführlicher dokumentiert hätte. Wenn man selbst wirklich ernsthaft an einer anderen Möglichkeit (“Treptower Park nicht ideal”) arbeiten würde, wären mir auch Vorschläge wie Shuttlebusse o.ä. (ich bin ja kein Veranstalter …) lieb gewesen, die angebliche Mankos bei öffentlichen Nahverkehrzubringungen anderer Locations ausgleichen könnten.

So wirkte alles wie in Sack und Tüten, die Bürgerversammlung als reine Farce, die Entscheidung längst amtsseitig (und undemokratisch) besiegelt. Auch wenn keiner, auf beiden Seiten,  gerade so richtig glücklich mit dieser Entscheidung zu sein scheint … Die mehr als 5000 über eine Online Petition gesammelten Unterschriften gegen Lollapalooza Treptow scheinen sinnlos. Let’s party hardy, Berlin soll ja schließlich keine Spießerstadt sein. Grrrrr and out.